Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Die Bilder vom G20-Gipfel waren empörend: natürlich die dumme Zerstörungswut der vermummten Chaoten, aber auch die eskalierende Gewalt einer überforderten Polizei. Über die sozialen Medien verbreiteten sich in Windeseile das Video des marodierenden Mobs in der Elbchaussee, der Schubser gegen den parlamentarischen Beobachter Norbert Hackbusch, oder die Pfeffersprayattacke gegen eine Frau, die einen Polizeiwagen erklommen hatte. Nicht weniger eindrucksvoll übertrug N24 die Proteste am Millerntor im Splitscreen zum Konzert in der Elbphilharmonie – links im Bild flogen Steine gegen die Staatsmacht, während rechts die Kongressteilnehmer Beethovens neunter Symphonie lauschten.

Es soll hier freilich nicht um die Aufarbeitung der Ereignisse gehen, und noch weniger um die Schuldfrage. Stattdessen möchte ich hier der Frage nachgehen, wo all die Bilder eigentlich herkommen und was sie mit uns machen?

Das führt uns zunächst in die mobile Welt der Smartphones. Wenn die Polizei Hunderte private Aufnahmen aus der Bevölkerung bekommen hat, um die Sachbeschädigungen und Plünderungen aufklären zu können, ist das ein erster Beleg für die Omnipräsenz von Aufnahmemedien im Taschenformat. Gefilmt wird alles, was die eigene Aufmerksamkeit erregt oder vom Publikum der Sozialen Medien gewünscht wird. Symptomatisch hierfür sind nicht zuletzt die vielen Schaulustigen, die vor brennenden Barrikaden zum Selfie posierten. Die Öffentlichkeit ist also potenziell überall mit dabei. Allerdings sieht man den Bildern nicht sofort an, ob sie rein dokumentarisch oder bewusst inszeniert sind.

Und genau diese Inszenierung der Bilder ist spannend. Denn die konkreten Krawalle führen nur einen weitaus tieferen Konflikt auf und liefern so das Bildmaterial für die nächste Mobilmachung. Auf Seite der Polizisten: eine schwarze, vermummte Bedrohung für das ungestörte, friedliche Zusammenleben, mit der weitere polizeiliche Befugnisse zur Überwachung legitimiert werden sollen. Auf Seiten der Autonomen: eine roboterhafte, anonyme und bevormundende Armee von uniformen Polizisten, die die individuelle Lebensweise bedroht und deshalb mit allen Mitteln der Straße bekämpft werden muss.

Dementsprechend generisch und vorhersehbar sind dann auch die Bilder, die in diesem Setup entstehen, und eben nur so, hochgeneralisiert, funktionieren sie überhaupt: Würde man die Täter demaskieren, wäre der undefinierbare schwarze Block plötzlich nur noch eine finite Ansammlung krimineller Subjekte. Und würde hinter jeder Polizeiuniform der Familienvater oder Hobbygärtner sichtbar, entzöge man den Steinewerfern ihre Legitimation für den Kampf. Hier werden in erster Linie keine Menschen, sondern vor allem (Feind-)Bilder bekämpft.

Und so geht es auch jetzt, wo die eigentlichen Krawalle vorüber sind, sehr stark um die symbolische Schändung der gegnerischen Bilder. Ob die Rote Flora geschlossen wird oder Olaf Scholz zurücktritt, markiert eigentlich nur, wer den Konflikt am Ende deuten darf – lösen wird es ihn aber sicherlich nicht.

Bilder dokumentieren also nicht nur einfach, sie transportieren eine Bedeutung und werden bisweilen mit genau dieser Absicht angefertigt: “Sieh her, wir haben ein echtes Problem mit diesem oder jenem”. Das was auf ihnen sichtbar ist, kann nicht geleugnet werden, es ist offenkundig und evident. Ihr unterschwelliger Inhalt lässt sich deshalb auch nicht logisch widerlegen, sondern bestenfalls durch andere Bilder relativieren. Wie schwierig das in der Praxis ist, kann man daran ablesen, dass Bilder der überwiegend friedlichen Demonstrationen in den Medien deutlich unterrepräsentiert sind. Insofern darf man dann, was die Augenfälligkeit von visuellen Inhalten angeht, erst einmal zutiefst misstrauisch sein.

Das alles trifft natürlich auch auf die vielen Bilder in der Marktforschung zu, zum Beispiel den allseits beliebten Handyfotos in mobilen Ethnographien oder Online-Communities. Auch hier tun die Bilder gerne so, als wäre schon alles klar, während sie eigentlich auf implizite, komplexe Ordnungen verweisen. Das ungeschulte Auge fällt darauf rein, ja mehr noch: ist vielleicht sogar dankbar, dass das Bild plakativ und vermeintlich selbstredend ist. Und doch erübrigt sich die Nachfrage nicht: Warum wurde genau dieses Motiv, diese Perspektive, dieser Ausschnitt gewählt? Welche Fotos wurden aussortiert und warum? Und vor allem: Was genau sieht man da eigentlich?

All diese Probleme sprechen natürlich nicht gegen den Einsatz von Bildern, warum auch? Schließlich funktioniert Forschung häufig dann am besten, wenn sich die Probanden erklären müssen und nicht schon die nächste Frage antizipieren können. Wenn Trivialitäten nicht einfach hingenommen, sondern zum besseren Verständnis hinterfragt werden. Und jedes Foto oder Video hält viele solcher Anlässe bereit, um Studien und ihre Verläufe weniger erwartbar zu machen und hinter den eigentlichen Sinn zu kommen.

Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte. Und genau deshalb sollte man sie nicht schweigend hinnehmen und für sich selbst sprechen lassen. Stattdessen müsste man nachfragen, sich miteinander austauschen und die Motive demaskieren, um ihren Sinn besser zu verstehen. Ob solch ein Dialog auch in Hamburg bei der Bewältigung des Konfliktes helfen könnte? Nun, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Dieser Artikel ist zuerst auf marktforschung.de erschienen.

Leave A Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *